17. Juli 2026
Warum die deutsche Open-Access-Branche genau weiß, was sie bremst – und es trotzdem nicht löst.
Standards gibt es, Umsetzung nicht
Die ironische Pointe der Studienergebnisse: Technische Standards für Open
Access existieren bereits. Der S/PRI-Standard (Service Provider Reference
Interface) wird seit Jahren in der Branche diskutiert und vom VATM-Arbeitskreis
Schnittstellen & Prozesse weiterentwickelt. FIT-Standards adressieren technische
Anbindungsfragen. Die Bauteile liegen also vor.
Was fehlt, ist die operative Reife: Die unternehmensinternen Prozesse – im
Backoffice, im Auftragsmanagement, in der Abrechnung – müssen so umgebaut
werden, dass sie diese Standards überhaupt bedienen können. Das ist keine
Schnittstellenfrage mehr, das ist eine Organisationsfrage. Und
Organisationsfragen lösen sich nicht durch Standards, sondern durch
Investitionen, Zeit und Personal.
Hinzu kommt ein zweites Problem: Aktive Vorleistungsprodukte (BSA-Layer-2 mit
81% Nachfrage, BSA-Layer-3 mit 44%) werden heute überwiegend über bilaterale
Kooperationen abgewickelt. Das heißt: Jede neue Geschäftsbeziehung ist eine
eigene IT-Integration. Eigene Verträge. Eigene Prozesse. Skalierbar ist das nicht.
Was die Lücke konkret kostet
Die Folgen der fehlenden Standardisierung sind in den Studiendaten deutlich:
- 53% der Befragten nennen hohe Anfangsinvestitionen als ökonomisches Haupthindernis. Diese Investitionen entstehen vor allem dort, wo IT- Schnittstellen für jede Kooperation neu gebaut werden.
- 40% nennen Amortisationsunsicherheiten – auch das ein direktes Symptom: Wer nicht weiß, ob seine Schnittstellen-Investition für drei oder dreißig Kooperationen genutzt werden kann, kann den Business Case nicht rechnen.
- 47% nennen IT-Fachkräftemangel als organisatorisches Hindernis. Klar, wenn jede Kooperation eine kleine IT-Sonderlösung ist, frisst die Integration schneller Kapazität als sie aufgebaut werden kann.
- Bei der Verzögerung von Kooperationen werden vor allem das Preisniveau (73%) und IT-Themen (43%) als Hauptgründe genannt – beides Symptome derselben Wurzel.
Die 88-Prozent-Lücke ist also nicht nur ein technisches Problem. Sie ist der Hauptfaktor dafür, dass der gesamte Open-Access-Markt langsamer wächst als möglich – und sie verteilt die Kosten ungleich: Wer früh investiert und individuelle Schnittstellen baut, finanziert das künftige Standardisierungsnetz mit, ohne davon profitieren zu können.
Drei Prinzipien
- Schnittstellen-Standardisierung muss eingekauft werden, nicht selbst entwickelt. 66% der Befragten nennen einfache Anbindungsfähigkeit als wichtigsten Plattform-Vorteil. Anders gesagt: Wer Open Access ernst meint, sollte die Make-or-Buy-Entscheidung konsequent zugunsten spezialisierter Plattformanbieter treffen. Eigene Schnittstellen sind kein Wettbewerbsvorteil – sie sind eine Zollstation, die niemand braucht.
- Plattformen müssen mehr leisten als technische Anbindung. 66% der Befragten fordern integriertes Billing, 59% automatisierte Prozesse, 38% Vertragsmanagement. Reine Verbindungsplattformen reichen nicht mehr – gefragt sind Market Places, die den vollen Geschäftsworkflow abdecken: Produktkatalog, Vertragsabschluss, Bereitstellung, Entstörung, Abrechnung.
- Standardisierte Produkte müssen vor standardisierten Schnittstellen kommen. Auf einem neutralen Market Place einigen sich Käufer und Verkäufer auf gemeinsame Produktdefinitionen, SLAs und Preisbänder. Erst diese Produktstandardisierung macht skalierbares Matching möglich. Die Schnittstelle ist nur die technische Hülle – das eigentliche Produkt liegt darunter.
Aggregator oder Market Place?
Die Studie unterscheidet drei Plattformtypen: Individualverbindungen (bilaterale 1:1-Beziehungen), Aggregatoren (zentrale Anbindung an mehrere Netzbetreiber durch eine Plattform) und neutrale Market Places (unabhängige Vermittler ohne eigenes Netz). 62% der heutigen Plattformnutzer:innen setzen auf Aggregatoren – das ist der pragmatische Status quo.
Aggregatoren haben aber zwei strukturelle Schwächen, die in den Studiendaten deutlich werden: Erstens werden sie häufig von Unternehmen betrieben, die selbst als Netzbetreiber aktiv sind. Das schafft potenzielle Interessenkonflikte. Zweitens berichten viele Befragte von Anbindungszeiten von über einem Jahr und teils erheblichen IT-Investitionen, die für den Anschluss nötig sind. Die Provisionsstruktur drückt zusätzlich auf die ohnehin engen Margen kleinerer Anbieter.
Market Places adressieren genau diese Schwächen – als neutrale Instanzen ohne eigene Netzinteressen, mit standardisierten Produkten und integrierten Services wie Billing. Die Studie erwartet entsprechend, dass sich der Markt langfristig in Richtung Market Places konsolidiert, dass die Zahl der ernstzunehmenden Plattformanbieter auf maximal drei bis fünf zusammenschmilzt – und dass Aggregatoren sich zu Market Places weiterentwickeln, wenn sie überleben wollen.
Fazit
Über die Studie: Die Open Access Studie 2025 basiert auf 48 Experteninterviews mit Diensteanbietern, Infrastrukturbetreibern und Plattformanbietern (Jan–Mai 2025). Herausgegeben von Böcker Ziemen in Kooperation mit Digpro, conology und m3management consulting. Das vollständige Whitepaper steht auf openaccess-studie.de zum Download bereit. In den nächsten Tagen erscheint die vollständige Studie 2026 zum Download auf unserer Website.